***Alexander The Master***
Ich saß in der Lounge, eine Hand lässig um mein Whiskeyglas gelegt, und beobachtete das Spiel um mich herum. Frauen – mehr, als ich in diesem Moment zählen konnte – klebten an mir wie Motten am Licht. Es war beinahe zu viel, selbst für jemanden wie mich, der an ständige Bewunderung gewöhnt war. Eine von ihnen wagte sogar, ihre Zunge in meinen Mund zu stecken, ein ungefragter Akt der Verzweiflung. Mit einem abschätzigen Lächeln schob ich sie weg.
“Igitt,” murmelte ich laut genug, dass die Umstehenden es hören konnten, und nahm einen großzügigen Schluck Whiskey. Das brennende Gefühl des Alkohols im Rachen war ein willkommener Kontrast zu ihrer aufdringlichen Nähe. Während ich meine Augen über die Menge schweifen ließ, sprang Christian plötzlich auf. Sein Ruf – ein begeistertes “Yeah! Jackpot!” – riss mich aus meiner arroganten Ruhe.
“Ey, Alter, spinnst du jetzt? Was los?” Ich zog die Augenbrauen hoch und musterte ihn irritiert, während er mit leuchtenden Augen auf sein Handy starrte. Es war selten, dass etwas Christians Aufmerksamkeit so sehr fesselte, dass er sich wie ein kleiner Junge aufführte.
“Ich habe einen Termin mit The Mistress! Heute ist mein Glückstag!” rief er, seine Stimme vor Begeisterung überschlagend. Ein Raunen ging durch die Menge. Einige beglückwünschten ihn, als hätte er die verdammte Lotterie gewonnen. Mein Interesse war geweckt, aber natürlich konnte ich mir das nicht anmerken lassen.
“Wer bitte?” fragte ich, die Frage absichtlich gelangweilt vorgetragen. Plötzlich schienen alle Augen auf mich gerichtet zu sein, als hätte ich eine Todsünde begangen.
“Sag bloß, du hast noch nie von The Mistress gehört?” Christian starrte mich entgeistert an. Einige in der Runde wiederholten seine Worte mit gleicher Ungläubigkeit. Ich zuckte die Schultern und nahm noch einen Schluck Whiskey.
“Spinnt ihr jetzt alle? Wer soll das sein? Muss man die kennen?” knurrte ich, genervt davon, dass das Gespräch nicht mehr um mich kreiste. Christian warf mir einen Blick zu, der irgendwo zwischen Mitgefühl und Verachtung schwankte.
“The Mistress ist... eine Offenbarung,” begann er, seine Stimme gesenkt, als würde er ein Geheimnis teilen, das nur Eingeweihten vorbehalten war. “Die heißeste Frau des Landes. Sie kann alles, sie macht alles, sie will alles. s*x mit ihr ist nicht nur Sex.… es ist, als wärst du in einem Traumland. Allein der Oralsex, den sie Frauen und Männern gleichzeitig beschert, ist... die pure Glückseligkeit.” Sein Atem wurde schwer, fast schon lächerlich, als wäre er dabei, allein durch die Erinnerung an ihre Existenz zu kommen.
Ich konnte mir ein abfälliges Schnauben nicht verkneifen. “Und warum brauchst du dafür einen Termin?” fragte ich spöttisch, obwohl ich spürte, wie etwas in mir geweckt wurde. Vielleicht Neugierde? Lächerlich.
“Weil The Mistress nicht jeden nimmt,” erklärte er mit einer Ernsthaftigkeit, die fast komisch war. “Sie wählt aus. Oder besser gesagt, sie lässt auswählen. Und dann heißt es: Warteliste. Ich stehe bereits seit sechs Monaten darauf und jetzt... Jackpot! Nächste Woche Mittwoch!” Er hob triumphierend sein Wodkaglas, als wäre das eine Leistung, die Anerkennung verdiente.
Ich lehnte mich zurück und lachte ungläubig. “Du wartest seit sechs Monaten auf einen Termin zum Ficken? Bist du bescheuert? Das hättest du auch schneller haben können,” sagte ich und schüttelte den Kopf. Es war so absurd, dass ich kurz daran zweifelte, ob das alles ein Scherz war. Aber Christians Gesichtsausdruck zeigte keinen Anflug von Ironie.
“Bewirb dich doch auch, Alex,” meinte er lässig und grinste breit. Seine Worte klangen wie eine Herausforderung, eine, die ich natürlich nicht unbeantwortet lassen konnte.
“Ich? Ich soll mich bei jemandem fürs Ficken bewerben? Geht’s noch? Die Frauen kommen zu mir. Sie wollen mich. Sie beten mich an... nicht andersherum.” Ich leerte mein Glas in einem Zug, als wolle ich damit jedes Zeichen von Unsicherheit hinunterspülen.
Doch etwas in mir regte sich. Eine Art prickelnde Unruhe, ein schwelender Ehrgeiz. Wer zur Hölle war diese Mistress, die so begehrt war, dass Männer und auch Frauen monatelang warteten, um sie zu erleben? Und warum sollte ich, Alexander, The Master, der alles haben konnte, was er wollte, mich mit einer Legende zufriedengeben, ohne sie selbst zu erfahren? Mein Jagdinstinkt war geweckt. Ein Instinkt, welchen ich noch nie benutzt hatte und welcher mir vollkommen neu war. Es war schon fast ein wenig unheimlich. Schnell exte ich einen weiteren Whiskey.
Ich zückte mein Handy, ganz beiläufig, als würde ich E-Mails checken und suchte ihre Website, bis ich sie fand.
Es war nicht nur Christians Schwärmerei, die mich reizte. Es war die Idee, dass es jemanden geben könnte, der mein eigenes Ego übertrumpfen konnte. Ich recherchierte – diskret natürlich.
Ihre Website war…wie ein Paradies auf Erden aufgebaut. The Mistress war mehr als nur ein Mythos. Sie war eine Legende, eine Erscheinung. Zumindest schrieben dies etliche User. Himmel, warum hatte ich noch nie von ihr gehört? Wahrscheinlich weil sich mein Universum nicht um sie drehte, sondern um mich. Niemand wusste ihren echten Namen, und Fotos von ihr waren rar und zweifelhaft. Wenn, dann nur mit einer Maske. Augen, goldbraune Augen, sahen dich an und ich sah einige Sekunden wie gebannt auf das Bild, welches mir mein Handybildschirm zeigte. Aber die Geschichten über sie waren elektrisierend. Sie wählte ihre “Gäste” persönlich aus, angeblich nach Kriterien, die niemand verstand. Manche behaupteten, sie habe einen sechsten Sinn, um die tiefsten Bedürfnisse und Fantasien eines Menschen zu erkennen. Andere sagten, sie sei schlicht wählerisch.
Ich konnte nicht anders. Ich musste es wissen. Also bewarb ich mich – natürlich ohne, dass Christian oder jemand anderes davon erfuhr. Es war einfach, aber auch ernüchternd: ein Online-Formular, das seltsame Fragen stellte. Was sind Ihre verborgensten Fantasien? Was bedeutet Ihnen Kontrolle? Beschreiben Sie Ihre wildeste Erfahrung. Es war fast zu absurd, um wahr zu sein. Aber ich tat es, und dann wartete ich.
Ich lies mein iPhone langsam in die Hosentasche gleiten und erhob mich geschmeidig von der Couch in der Lounge. Die weichen Polster unter mir waren unbequem geworden, oder vielleicht war es einfach Christian, der mir zunehmend auf die Nerven ging. Seine unermüdlichen Lobhudeleien über diese verfluchte Mistress waren kaum zu ertragen. Wieso musste er immerzu betonen, wie “außergewöhnlich” sie war? Mistress dies, Mistress das. Ein verdammtes Klischee. Ich hatte genug von seinem Gefasel und begab mich mit einem lässigen Schritt zum Geländer der Lounge. Von hier oben hatte ich eine perfekte Aussicht auf die Tanzfläche unter mir.
Mein Blick wanderte über die wogenden, lüsternen Körper unter mir. Die Musik war laut, pulsierend, wie ein lebendiges Wesen, das durch die Menge strömte. Aber die Tanzfläche selbst? Enttäuschend. Kein Funken, kein Glanz. Nur dieselben Gesichter, dieselben Bewegungen. Einige von ihnen hatte ich schon gehabt. Die Erinnerung an ihre Berührungen war nicht mehr als ein verblassendes Echo. Kein Feuerwerk, kein brennender Wunsch, der mich später in der Nacht heimsuchte.
Und dann sah ich sie.
Verflucht, Alexander, bleib cool.
Doch es war schwer. Mein Herz machte einen Satz, und meine Hand umklammerte unbewusst das kalte Metall des Geländers. Dort, direkt gegenüber in der anderen Lounge, stand sie. Nein, sie tanzte, oder besser gesagt, sie spielte. Ihr Körper bewegte sich mit einer Selbstsicherheit, die nur von jemandem kommen konnte, der genau wusste, was er tat. Sie war eine Provokation in Menschengestalt. Ihre Hüften schlangen sich um die Stange, ihre Finger umfassten das Metall – fest, bestimmend, wie... ein anderer Teil des Körpers, den ich jetzt nur zu gerne in ihren Händen gespürt hätte.
Ich schluckte hart.
Ihre Bewegungen waren fließend, ein Tanz zwischen Kontrolle und Hingabe. Sie glitt an der Stange hinauf und hinunter, und ich konnte meinen Blick nicht von ihr abwenden. Sie war nicht nur eine Frau; sie war eine Verheißung. Ihr schulterlanges blondes Haar klebte leicht an ihrer verschwitzten Haut, und das ultraknapp geschnittene silberne Kleid, das sie trug, war kaum mehr als eine Andeutung von Stoff. Es war so eng, so kurz, dass man es ihr nicht einmal auszuziehen brauchte. Jeder Zentimeter ihres Körpers schien zu sagen: “Sieh mich an, aber wage es nicht, mich zu berühren – es sei denn, ich lasse es zu.”
Ich spürte, wie sich die Hitze in mir sammelte, wie das Blut in meinen Adern zu kochen begann. Verdammt, Alexander, du bist der Meister, erinnerte ich mich selbst. Du bist derjenige, der die Regeln macht. Derjenige, der Frauen mit einem einzigen Blick gefangen nimmt und ihnen den Boden unter den Füßen wegzieht. Aber hier? Hier war ich der Gefangene. Ich? Der Kontrollfreak, der Herr über alle? Ich war dabei, meinen Verstand zu verlieren.
Und sie wusste es.
Unsere Blicke trafen sich. Ihre Augen, diese unverschämten, herausfordernden Augen, durchbohrten mich wie ein Messer. Sie hatte mich gesehen, schon lange, bevor ich sie bemerkt hatte. Und sie spielte mit mir, wie eine Katze mit ihrer Beute. Mein Gesichtsausdruck – der kontrollierte, selbstbewusste Blick, der Frauen schwach machte – war perfekt. Ich wusste, wie ich wirkte. Aber sie? Sie lächelte nur, ein süffisantes, beinahe amüsiertes Lächeln. Dann wandte sie sich wieder ihrer kleinen Menge an Bewunderern zu, als wäre ich nicht mehr als ein weiterer Tropfen in einem Meer aus Begehrenden.
Ein leises Knurren entwich meinen Lippen. Sie wusste, wie man provozierte. Die um sie herum – Männer und Frauen gleichermaßen – waren von ihr genauso gefangen wie ich. Ihre Bewegungen ließen keinen Zweifel daran, dass sie ihre Macht genoss. Mit einem letzten Blick auf sie zog ich mich zurück, griff nach meinem Glas und nahm einen Schluck des goldenen Whiskeys. Der Geschmack brannte angenehm auf meiner Zunge, aber nicht annähernd so sehr wie der Gedanke an das, was noch kommen könnte. Meine Finger glitten über die kalte Oberfläche des Glases, während ich mich wieder in die Couch sinken ließ. Doch innerlich war ich angespannt, bereit. Die Jagd hatte begonnen.
Christian warf mir einen Seitenblick zu, immer noch in seinem unaufhörlichen Monolog gefangen. Ich blendete ihn aus. Seine Worte waren unwichtig, eine Hintergrundmelodie in einem Theater, in dem sie die Hauptrolle spielte. Meine Gedanken kreisten nur um sie. Wer war sie? Was wollte sie? Und vor allem: Wie konnte ich sie dazu bringen, ihre Augen nicht mehr von mir abzuwenden?
Als ich erneut aufblickte, war sie verschwunden. Ein leises Zittern durchfuhr mich. Nein. Nicht sie. Nicht jetzt. Aber ich wusste es besser. Sie war nicht einfach fortgegangen. Nicht ohne Absicht. Dieses Spiel hatte gerade erst begonnen, und ich war mehr als bereit, die Regeln zu brechen.
Mit einem selbstgefälligen Lächeln erhob ich mich erneut. Christian rief mir etwas hinterher, doch ich schenkte ihm keine Beachtung. Mein Ziel war klar, und ich bewegte mich mit einer Ruhe, die nur durch die Leidenschaft in meinem Inneren kontrastiert wurde, durch die Menge. Die Tanzfläche vibrierte unter meinen Schritten, während ich suchte. Und ich wusste, dass ich sie finden würde.