Kapitel 9

1142 Words
Ich stöberte an jenem Abend in meinem riesigen, begehbaren Kleiderschrank herum. Die Reihen von Kleiderbügeln wirkten wie eine Armee wartender Möglichkeiten – jede Robe, jedes Kostüm ein potenzielles Abenteuer. Meine Finger glitten über feine Stoffe, Pailletten, Spitze und Satin, bis sie an etwas Halt machten. Ein Kleid, das ich noch nie getragen hatte. Tatsache. Es war silbergrau, kürzer als alles, was ich in letzter Zeit angezogen hatte, und hatte einen rückenfreien Schnitt, der wie ein stiller Skandal wirkte. Ich hielt es gegen meinen Körper und musterte mich im Spiegel. Die Spaghetti-Träger waren fast unsichtbar, das Kleid schimmerte wie flüssiges Metall, und es endete knapp an meinen Oberschenkeln. Eine Welle der Aufregung durchzuckte mich. Ich entschied mich für dazu passende silberne Riemchensandalen, die meine Beine länger erscheinen ließen, und Unterwäsche mit durchsichtigen Trägern, die kaum mehr waren als ein Hauch. Als ich fertig war, betrachtete ich mich im Spiegel und spürte, wie sich ein Lächeln auf meine Lippen schlich. Ich sah aus wie ein Versprechen, das darauf wartete, eingelöst zu werden. Meine schulterlangen blonden Haare wellte ich elegant, und meine Augen betonte ich mit zwei Schichten Mascara. Mehr brauchte es nicht. Es war diese perfekte Mischung aus Zurückhaltung und Provokation. Ich war bereit. Als ich ins Wohnzimmer trat, saß Mia bereits auf dem Sofa. Sie trug ein rotes, knielanges Kleid mit einem Ausschnitt, der so tief war, dass ich mich fragte, wie es ihre Brüste überhaupt hielt. Sie war, ohne Zweifel, eine Erscheinung. Die Art von Frau, die ganze Räume in Atem hielt. „Mia, wen willst du heute Abend aufreißen?“ fragte ich sie mit einem Augenzwinkern. Mein Ton war spielerisch, aber ich war tatsächlich neugierig. Sie grinste und warf ihr rotes Haar über die Schulter. „Mal schauen, wer mir vor die Füße fällt,“ erwiderte sie süffisant und erhob sich mit einer Eleganz, die ihr immer leichtfiel. Gemeinsam gingen wir zum Fahrstuhl und fuhren in die Tiefgarage, wo Jason, mein Fahrer, bereits mit dem schwarzen Bentley wartete. Die Fahrt zum Club dauerte nicht lange, aber das Prickeln in meinem Bauch wuchs mit jedem Meter. Der Club lag direkt am Miami Beach, ein riesiges Gebäude mit mehreren Ebenen und einer Dachterrasse, die einen atemberaubenden Blick auf das Meer bot. Als wir ankamen, sah ich die endlose Schlange von Menschen, die sich auf einen langen Abend des Wartens eingestellt hatten. „Keine Sorge, Amelia. Ich habe uns eine Lounge reserviert und uns schon vor Wochen auf die VIP-Liste setzen lassen,“ sagte Mia schnell, als sie meinen Gesichtsausdruck bemerkte. Ihre Worte beruhigten mich ein wenig, aber die pure Masse von Menschen war immer noch einschüchternd. „Gott sei Dank,“ murmelte ich, während Jason uns am VIP-Eingang absetzte. Wir stiegen aus, und ich spürte sofort, wie sich die Blicke der Menschen auf uns richteten. Es war wie eine Welle. Gierige Augen, die mich ausmusterten, Lüsternheit, die fast greifbar war. Es war nichts Neues, aber an diesem Abend fühlte es sich anders an. Ich genoss die Aufmerksamkeit, badete darin wie in warmem Sonnenlicht. Mia und ich gingen durch den Eingang, vorbei an den normalen Gästen, deren Blicke uns folgten, und traten in die glitzernde Welt des Clubs ein. Der erste Eindruck war eine Explosion der Sinne. Die Musik war laut, der Bass vibrierte tief in meiner Brust, und die Lichter spielten wie kleine Blitze über die Tanzfläche. Der Duft von Parfüm, Schweiß und Alkohol hing schwer in der Luft. Wir schlängelten uns an den Menschenmengen vorbei, stiegen die Treppe hinauf zu den abgesperrten Bereichen und erreichten die Lounge, die für uns reserviert war. Es war ein perfekter Ort: elegant, halbprivat, mit einer ausgezeichneten Sicht auf die Tanzfläche und doch abgeschirmt von der Masse. Ein Kellner erschien prompt, seine Haltung professionell, aber seine Augen lingernd. „Ein s*x on the Beach für mich!“ rief Mia mit einem strahlenden Lächeln. „Cosmopolitan für mich, bitte,“ sagte ich ruhig und erwiderte seinen Blick. Er nickte und verschwand, und ich lehnte mich in die bequeme Couch zurück, während ich die Szene vor mir beobachtete. Mia war bereits in ihrem Element. Ihre Augen scannten die Menge wie ein Raubtier auf der Jagd. Ich hingegen beobachtete lieber. Es gab etwas Faszinierendes daran, die Dynamik eines Clubs zu analysieren – wer mit wem sprach, wer sich bemühte, wer ignoriert wurde. Doch mein Fokus wurde unterbrochen, als Mia plötzlich meinen Arm packte. „Da drüben, Amelia. Schau dir das an,“ sagte sie und nickte in Richtung der Bar. Mein Blick folgte ihrem, und was ich sah, ließ mich innerlich schmunzeln. Ein Mann, hochgewachsen, mit markanten Gesichtszügen und einem selbstbewussten Auftreten, das wie eine Flagge in einem Sturm wehte. Er war genau die Art von Mann, auf die Mia stand. „Na los,“ sagte ich und schob sie leicht an. „Ich halte dir den Rücken frei.“ Mia lachte und stand auf, ihre Bewegungen fließend wie ein Fluss. Ich beobachtete, wie sie sich ihren Weg durch die Menge bahnte. Ich leerte meinen zweiten Cocktail mit einem Zug, den Geschmack von Zitrus und einem Hauch Tequila auf der Zunge. Die Lounge war gedämpft beleuchtet, ein sanftes, rotes Glühen durchzog den Raum und tauchte alles in eine verlockende, beinahe unwirkliche Atmosphäre. Männer kamen und gingen, ihre Versuche, mich zu beeindrucken, so plump wie die Gesprächseröffnungen auf einer Dating-App. Die Sprüche wiederholten sich, hohl und uninspiriert. Ich war gelangweilt, mein Interesse lag irgendwo zwischen null und einem Schulterzucken. Dann, gerade, als ich dachte, der Abend sei ein Verlust, setzte ein alter Tanzklassiker ein. Naughty Girl von Beyoncé. Der verführerische Beat kroch durch den Raum, packte mich an der Seele und zog mich auf die Beine. Perfekt. Ohne Zögern leerte ich mein Glas und bahnte mir einen Weg durch die Menge. Mein Blick blieb an der freistehenden Stange in der Ecke der Lounge hängen. Sie war wie für mich gemacht. Ich liebte die Bühne, die Show, das Spiel mit Blicken und Fantasien. Durch meinen Job als Mistress hatte ich gelernt, wie ich einen Raum beherrsche – wie ich den Blick von Fremden einfange und nicht mehr loslasse. Die Stange war meine Verbündete, eine Erweiterung meiner Körpersprache. Mit einem gezielten Schritt stand ich davor, spürte die kühle Metalloberfläche, als ich sie mit der Hand umfasste. Die Musik setzte ein, und ich begann mich zu bewegen. Zuerst langsam, ein Heben der Hüfte, ein Strecken der Arme, das Metall schimmerte leicht in der Beleuchtung. Die Leute um mich herum verstummten, und ich konnte ihre Blicke spüren. Neugierig, gespannt, manche gierig. Aber das war mir gleich. Ich tanzte nicht für sie. Ich tanzte für mich. Meine Bewegungen wurden fließender, die Drehungen intensiver. Ich streckte meine Beine in die Luft, schlang sie um die Stange und spürte den Rhythmus tief in meinem Inneren. Mit jedem Dreh, mit jedem Schwung übernahm ich die Kontrolle über die Energie des Raumes. Das war mein Revier, mein Moment, meine Macht.
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