Wohltätigkeits-Schachzug

1077 Words
Der Ballsaal des Hotels glitzerte wie ein aufgebrochenes Juwelenkästchen. Kristallkronleuchter ließen Licht auf Marmorböden fallen, und ein kleines Orchester entlockte ihm einen Walzer, dem niemand wirklich zuhörte. Kellner schwebten mit Tabletts voller Champagner vorbei, ihre Bewegungen waren fast mit Ballettpräzision einstudiert. Aria blieb am Eingang stehen und legte eine Hand leicht auf ihre Hüfte. Das Kleid, für das sie sich entschieden hatte, war nicht knallig, seidig, mitternachtsblau, das nur das Licht reflektierte, wenn sie sich bewegte, aber es passte wie ein Geheimnis. Sie hatte entschieden, dass Macht keine Pailletten brauchte. Die Menge entdeckte sie innerhalb von Sekunden. Köpfe drehten sich, es folgte Gemurmel. Einige erkannten sie als die „neue Mrs. Cross“, andere witterten einfach Klatsch. Als ich das letzte Mal diesen Raum betrat, dachte sie, flüsterten sie auch … kurz bevor sie mich ruinierten. Bilder aus ihrem früheren Leben flackerten wie in einem alten Film: Viviennes sirupartiges Lächeln, als sie Lügen verbreitete, Sophias „versehentliche“ Verschüttung, die Aria durchnässt und gedemütigt zurückließ, und Damian, der aus der Ferne zusah, kalt wie eine Statue. Stunden später kam der Streit, der „Unfall“, die Schwärze. Aber heute Abend atmete sie wieder, erinnerte sich und war bewaffnet. Ein Paar Frauen in Diamanthalsbändern näherte sich, ihre Gesichtsausdrücke waren die höfliche Mischung aus Neugier und Urteilsvermögen, die die High Society über Jahrhunderte perfektioniert hatte. „Mrs. Cross, nicht wahr?“ sagte eine, ihre Stimme war in Honig getaucht. „Wir haben gerade gesagt, wie mutig du bist, alleine teilzunehmen.“ Aria ließ ein Lächeln langsam und bedächtig erscheinen. „Mutig? Oh nein. Ich genieße es einfach, zu hören, was die Leute sagen, wenn sie denken, mein Mann hört nicht zu.“ Die Frauen blinzelten und lachten dann etwas zu laut. Sie schlummerten davon und flüsterten miteinander. Ein Punkt für mich, überlegte Aria. Ein anderer Gast, ein Mann mit einem Champagnerglas und der Miene von jemandem, der sowohl seinen Anzug als auch sein Vermögen geerbt hatte, trat ihr in den Weg. „Also, Mrs. Cross“, sagte er, „wie fühlt es sich an, den mächtigsten Mann im Raum zu heiraten?“ Aria legte den Kopf schief und ihre Augen funkelten. „Seltsame Frage. Ich habe hier noch nicht jeden Mann getroffen.“ Eine kleine Menschenmenge in der Nähe kicherte. Der Mann errötete und murmelte etwas darüber, dass er noch einen Drink brauchte, bevor er sich zurückzog. Das Orchester begann eine lebhaftere Melodie. Auf der anderen Seite des Ballsaals stolperte eine minderjährige Gesellschaftsdame über ihr Kleid und hätte beinahe ein Tablett mit Canapés umgeworfen. Die schnelle Parade des Kellners löste ein wenig Applaus aus. Aria stimmte mit einem leisen Klatschen ein, ihr Grinsen war böse. „Das ist nun einmal“, murmelte sie zu niemandem Bestimmten, „die Verpflichtung zum Dienen.“ Die Menschen um sie herum lachten und die Spannung im Kreis zerbrach wie Glas unter warmem Wasser. Innerhalb weniger Minuten hatte sie sich von einer einsamen Neuankömmling in die Mitte einer amüsierten Gruppe verwandelt und beantwortete Fragen mit scharfen, mühelosen Antworten. Anderer Abend, andere Aria, dachte sie und nippte an ihrem Champagner. Diesmal schreibe ich das Ende. Binnen Minuten versammelte sich die neugierige Menge um sie herum wie ein Fisch, der Köder riecht. Aria ließ sie umkreisen, das Glas in der Hand, höflich und gerade scharf genug lächelnd, um ein wenig Blut zu vergießen. Ein beleibter Stadtrat blähte sich zuerst auf. „Mrs. Cross, wir waren alle so überrascht, als Damian sich endlich beruhigte. Wie haben Sie ihn überzeugt?“ Aria legte den Kopf schief, als würde sie über eine komplizierte Matheaufgabe nachdenken. „Oh, ich habe einfach bessere Konditionen angeboten als an der Börse.“ Gelächter breitete sich aus. Der Stadtrat kicherte und war sich nicht sicher, ob sie ihm geschmeichelt oder ihn beleidigt hatte. „Stimmt es, dass Sie einen Ehevertrag in der Größe eines Romans unterschrieben haben?“ fragte einer. „Natürlich“, sagte Aria und schwenkte ihren Champagner. „Es liest sich wunderschön: Tragischer Held, kluge Heldin, jeder lebt bis ans Ende seiner Tage profitabel.“ Sie kritzelten wütend und übersahen das Augenzwinkern, das in ihren Worten steckte. Ein Kellner kam mit einem unsicheren Turm voller Vorspeisen vorbei. Einer der Blogger griff nach einem Canapé und stieß dabei fast das Tablett um. Aria hielt es mit einer schnellen Hand fest. „Vorsicht“, sagte sie leichthin. „Wenn wir so früh eine Essensschlacht beginnen, was machen wir dann für die After-Party?“ Die umstehende Gruppe brach in warmes Gelächter aus und der Blogger errötete und murmelte Danke. Während sie lachten, wanderte Arias Blick zu den Türen am anderen Ende. Immer noch keine Spur von Damian. Typisch. Auch in ihrem ersten Leben hatte sie allein gewartet, bis Vivienne mit dem einstudierten Mitleidslächeln ankam und Sophia jedem Gift ins Ohr flüsterte. Nicht heute Abend. Eine vertraute nasale Stimme durchschnitt den Lärm. „Aria, da sind Sie!“ Mrs. Alden, die Königin des Altgeldklatsches, wackelte in smaragdgrüner Seide. „Sag mir, Liebes, ist es unangenehm, mit einem Mann verheiratet zu sein, der praktisch in seinem Büro wohnt?“ „Überhaupt nicht“, sagte Aria süß. „Ich finde die Ruhe hervorragend zum Lesen … und zum Planen der Weltherrschaft.“ Ein junger Finanzier, der in der Nähe stand, schnaubte in sein Getränk. Mrs. Alden blinzelte, unsicher, ob sie beeindruckt oder beleidigt sein sollte. Das Orchester schwoll an; Ein Tänzerpaar wirbelte gefährlich nah an einem Dessertwagen vorbei. Jemand schrie auf, als ein Erdbeertörtchen wie eine winzige Rakete abfeuerte und auf wundersame Weise auf der Manschette eines erschrockenen Bankiers landete. Aria bedeckte ihren Mund, ihre Augen tanzten. „Das“, sagte sie, „das nenne ich eine Marktkorrektur.“ Der Bankier lachte mit gespielter Empörung und hielt die Torte hoch, als wäre sie ein Beweis für eine große Verschwörung. Trotz all der Heiterkeit blieb Arias Geist kalt und präzise. Jedes Gesicht, das sie katalogisierte, jede nachlässige Bemerkung, die sie abspeicherte. Es waren dieselben Menschen, die ihr einst den Rücken gekehrt hatten, als ihr Leben aus den Fugen geriet. Sie bemerkte Allianzen, Schwächen und Loyalitätsschulden, die wie lose Fäden gezogen werden konnten. Sie bewegte sich von Gruppe zu Gruppe, ihr Lachen sanft, ihre Gedanken messerscharf. Je mehr sie bezauberte, desto mehr unterschätzten sie sie. Perfekt. Und immer noch kein Damian. Aria nippte an ihrem letzten Champagner, das Glas fühlte sich kühl an ihren Fingern an. Lass ihn länger bleiben, dachte sie. Je länger er mich unterschätzt, desto süßer ist die Abrechnung.
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