Frühstücksbeichte

454 Words
Die Sonne brannte noch nicht durch die Fenster, die Kaffeemaschine röchelte, und alle saßen – mehr oder weniger wach – um den Küchentisch. Jessy gähnte, Mira schmierte sich Butter auf ein Brötchen, Anna nippte an ihrem Tee, das Gesicht ein wenig gerötet von der Erinnerung an die letzte Nacht. Timo kam mit zerzausten Haaren und Augenringen in die Küche. Er warf seinen Rucksack in die Ecke, ließ sich auf einen Stuhl fallen und sah grimmig in die Runde. „Muss das eigentlich jede Nacht so ein Porno-Programm im Wohnzimmer geben?“, brummte er, ohne jemanden direkt anzusehen. „Manche Leute haben auch mal was vor am nächsten Tag.“ Stille. Jessy schmunzelte nur, Mira zog eine Augenbraue hoch. Anna starrte auf ihren Teebeutel. Timo fuhr unbeirrt fort: „Ich hab heute eine Klausur. Ich brauch Schlaf. Aber stattdessen lieg ich im Bett, hör das Gestöhne durch die Wand und kann an nichts anderes mehr denken. Im Ernst, wie stellt ihr euch das vor?“ Er blickte zwischen Jessy und Mira hin und her, seine Stimme wurde weicher – fast flehend: „Könntet ihr das vielleicht das nächste Mal ein bisschen… leiser machen? Oder wenigstens das Fenster zu?“ Jessy grinste, unbeeindruckt: „Hättest du halt mitgemacht. Dann wärst du vielleicht entspannter gewesen.“ Timo lief knallrot an. „Ey, das ist nicht lustig! Ich lag da, war selber so geil, dass ich erst mal…“ Er stockte, zuckte mit den Schultern, „… naja, musste halt erst selbst Hand anlegen, damit ich wieder schlafen kann.“ Mira lachte auf, Jessy klatschte vor Vergnügen in die Hände. Anna wagte einen verstohlenen Blick, spürte ein unerwartetes Prickeln bei der Vorstellung. „Timo, bist du jetzt WG-Opfer deiner eigenen Triebe?“, neckte Mira. „Ach, f**k off“, murmelte Timo, aber man sah ihm an, dass er sich gleichzeitig ärgerte und irgendwie befreit fühlte. Jessy legte ihm eine Hand auf die Schulter: „Sag doch nächstes Mal vorher Bescheid, wenn’s wichtig ist. Dann machen wir das Wohnzimmer einfach zu deiner Quiet-Zone. Oder…“, sie grinste frech, „du darfst einfach zuschauen. Vielleicht lernst du noch was für die nächste Prüfung.“ Timo schüttelte den Kopf, konnte aber ein Lächeln nicht unterdrücken. „Ich schreib euch jetzt einen Plan. Wer s*x hat, muss Kaffee kochen. Und Staub saugen. Und morgen… hab ich Nachtschicht.“ Für einen Moment lachten alle. Die Atmosphäre war gelöst, warm, voller unterschwelliger Spannung – und vielleicht war es genau das, was diese WG besonders machte: Hier musste niemand heimlich sein. Anna nippte wieder an ihrem Tee, der Blick wanderte kurz zu Jessy, dann zu Mira. Und für einen Moment war sie sicher: Heute Nacht würde nicht die letzte gewesen sein.
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