Der Junge Im Regen

751 Words
„Welche Bilder?“ Elaras Stimme klang leiser, als sie beabsichtigt hatte. Ethan wirkte ungewöhnlich angespannt, als er Adrian das Tablet reichte. „Das wurde vor fünf Minuten veröffentlicht.“ Adrians Augen glitten über den Bildschirm. Sein Gesichtsausdruck verhärtete sich augenblicklich. Elaras Magen zog sich zusammen. „Was ist es?“ Stille. Dann reichte Adrian ihr das Tablet. In dem Moment, als sie hinunterblickte— stockte ihr der Atem. Es war ein weiteres altes Foto aus der Grundschule. Diesmal klarer. Viel klarer. Regen prasselte heftig auf eine Gruppe Kinder nieder, die nahe dem Schulhof standen. Drei Jungen lachten. Ein kleinerer Junge saß im Schlamm neben ihnen, voller Blutergüsse und durchnässt von Kopf bis Fuß. Und vor ihm— stand Elara. Klein. Wütend. Beschützend. Ihre kleinen Arme ausgestreckt, als würde sie ihn vor der ganzen Welt abschirmen. Doch dieses Mal… war das Gesicht des Jungen sichtbar. Elara erstarrte vollkommen. Dunkle Augen. Unordentliches schwarzes Haar. Ein vertrauter Ausdruck. Nein. Unmöglich. Ihr Herz begann heftig zu schlagen, während sie langsam den Blick zu Adrian hob. „Sie…“ Der Raum blieb still. Adrian sagte nichts. Was irgendwie alles bestätigte. „Sie waren dieser Junge?“ Wieder Stille. Elaras Gedanken überschlugen sich. Erinnerungen stürzten plötzlich auf sie ein. Der stille Junge, mit dem niemand sprach. Der Junge, der immer allein saß. Der Junge, der ständig gemobbt wurde. Sie erinnerte sich daran, ihm einmal geholfen zu haben. Vielleicht zweimal. Aber Adrian… er erinnerte sich an alles. „Oh mein Gott“, flüsterte sie. Mrs. Connick beobachtete die beiden nun aufmerksam. Und zum ersten Mal seit ihrer Ankunft… wirkte sie wirklich überrascht. Ethan räusperte sich unbeholfen. „Das Internet hat es ziemlich schnell herausgefunden.“ Elara hörte ihn kaum. Ihre Augen verließen Adrian nicht. „Sie kannten mich die ganze Zeit.“ „Ich habe Ihnen gesagt, dass wir auf dieselbe Schule gegangen sind.“ „Das ist nicht dasselbe!“ Endlich brach Emotion durch ihre Stimme. „Sie haben mich hier sitzen lassen, während ich dachte, ich würde einen Fremden heiraten!“ Adrians Kiefer spannte sich leicht an. „Das tun Sie.“ Die Antwort schockierte sie. „Was?“ „Sie kennen mich nicht mehr, Elara.“ Etwas an der Art, wie er ihren Namen sagte, ließ ihre Brust schmerzhaft eng werden. Nicht kalt. Nicht spöttisch. Einfach nur… traurig. Und irgendwie war das schlimmer. Elara blickte wieder auf das Foto hinunter. Die kleine sie. Der kleine er. Der kleine Junge, der zu ihr aufsah, als hätte sie gerade seine ganze Welt gerettet. Ihre Kehle fühlte sich plötzlich trocken an. „Ich wusste es nicht“, flüsterte sie leise. „Ich weiß.“ Keine Anschuldigung. Keine Wut. Nur stille Akzeptanz. Und aus irgendeinem Grund… tat genau das mehr weh, als wenn er ihr die Schuld gegeben hätte. Ethan murmelte plötzlich leise: „Das entwickelt sich zu einer Katastrophe.“ Alle blickten ihn an. „Die Öffentlichkeit ist vollkommen besessen davon“, erklärte er schnell. „Die Leute denken, das wäre irgendeine geheime Kindheitsliebesgeschichte.“ Elaras Wangen wurden sofort warm. „Das ist es nicht!“ Ethan warf ihr einen Blick zu, der eindeutig sagte: Bist du sicher? Adrian trat ruhig näher und nahm ihr das Tablet aus den Händen. „Was sagt der Vorstand jetzt?“ Ethan seufzte schwer. „Die Hälfte glaubt, du hättest das für Publicity manipuliert. Die andere Hälfte glaubt, du hättest den Verstand verloren.“ Mrs. Connick nippte elegant an ihrem Tee. „Beides ist möglich.“ „Mutter.“ „Was denn? Ich unterstütze dich doch.“ Elara hätte beinahe gelacht. Beinahe. Die Atmosphäre veränderte sich danach seltsam. Leichter. Aber unter allem pulsierte die Spannung zwischen ihr und Adrian immer noch gefährlich. Denn plötzlich… fühlte sich alles anders an. Vorher hatte sich diese Ehe kalt und rein geschäftlich angefühlt. Und jetzt? Jetzt konnte sie nicht aufhören, sich zu fragen, wie lange Adrian sie schon so angesehen hatte. Wie lange er sich an sie erinnert hatte. Wie lange er sich das gewünscht hatte. Der Gedanke machte sie nervös. Plötzlich zerriss ein lauter Klingelton die Stille. Elara griff schnell in ihre Tasche nach ihrem Handy. Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich sofort, als sie die Anrufer-ID sah. Dad. Sie nahm sofort ab. „Dad?“ Doch in dem Moment, als Victor Whitmore sprach— durchfuhr Angst ihren ganzen Körper. „Elara“, sagte er mit zitternder Stimme, „du musst sofort zur Firma kommen.“ Ihr Magen sackte ab. „Warum?“ Stille. Dann— „Die Polizei ist hier.“
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