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1513 Words
MAYA Er schaut schnell weg, als er bemerkt, dass ich ihn anstarre. Er ist wirklich muskulös, trägt ein ärmelloses Shirt, das seine Stärke und sonnenverbrannte Haut betont. Er sieht rauchig aus, als wäre er gerade durch ein Feuer gegangen. Rote Spitzen, bernsteinfarbene Augen, die zu brennen scheinen. Seine Hose passt farblich zu seinem Haar. Auf seinem Kiefer und Schlüsselbein liegen winzige Schuppen, einige verstreut an seinen Armen – er ist nicht nur ein Mann … er ist etwas anderes. Meine Haut beginnt zu brennen, nur vom Ansehen. Ich wende den Blick ab und sehe zu Jaden, der grinst, als wüsste er genau, was passiert. Der Professor eilt zu mir und gießt mir den warmen, glühenden Trank, den er gemischt hat, über den Körper. Ich schließe die Augen, und als ich sie wieder öffne, ist alles wieder normal. Der Unterrichtsraum wirkt ruhig – die Blätter, der Boden, die Gegenstände – als wäre nichts geschehen. Ist das Magie? „Maya Carter, neue Rekrutin.“ Der Professor schwenkt theatralisch die Hände in der Luft, doch seine Stimme bleibt flach, als er mich vorstellt. Viele Schüler haben sich an den Ecken versammelt, tragen weiße Hemden, Röcke, Lederhosen, Jacken und Kleider. Einige sehen normal aus, aber viele wirken bizarr, wie Monster aus Monster High, die zum Leben erwacht sind. Fast alle haben Waffen an ihrer Kleidung befestigt. „Was ist gerade passiert?“ fragt jemand. „Das war die Art der Akademie, sie willkommen zu heißen.“ Der Professor knirscht mit den Zähnen und geht nach vorn. „Jeder von euch wurde auf eine besondere Weise empfangen. Ihr erinnert euch nur nicht mehr daran.“ „Ich erinnere mich an nichts Besonderes, als ich aufgenommen wurde.“ Ein Mädchen tritt vor. Groß, blond, scharfe Gesichtszüge – das klassische Schulhof-Biest. Sie funkelt mich an. „Zu spät und ahnungslos. Typisch Oberflächenbewohnerin.“ Ich habe keine Zeit für das. Ich seufze und sehe weg. „Alle Ränge werden auf der Kugel angezeigt“, sagt der Professor und deutet auf einen leuchtenden Kristall in der Mitte des Raumes. In der Luft erscheinen Namen – Morien: Rang 9. Maddox: Rang 8. Miles: Rang 8. Ganz unten sehe ich meinen Namen: Maya Carter – U. „Was bedeutet das?“ Der Raum wird still. Dann Gelächter. „Unranked, ahnungslos“, antwortet die Blonde von vorhin. „Noch nie gehört, dass jemand unter null anfängt“, murmelt jemand. „Sie wird keine Woche überleben, bevor sie tot ist.“ Kann ich in dieser Akademie wirklich sterben, wie Jaden behauptet hat? Steht mein Leben auf dem Spiel, wenn ich keinen höheren Rang erreiche? „Glücklicherweise hat die Akademie eine Lösung, um dir zu helfen, dich selbst zu finden.“ Die Worte des Professors reißen mich aus meinen Gedanken. Kann er meine Gedanken hören? Ich schaue mich um. Kann das noch jemand? „Sei still!“ Das nervige Mädchen faucht mich an. „Dir werden vier Top-Schüler zugeteilt, die als deine Wächter fungieren und dich trainieren, um höhere Ränge zu erreichen“, liest der Professor von einer Schriftrolle ab. „Morien Ashwin, der Drachenwandler.“ Er zeigt auf den riesigen Feuerkerl, der vorhin in meinen Geist gesprochen hat. „Maddox Vargis, der Werwolf.“ Er zeigt auf den ersten Typen, dem ich begegnet bin – den aus meinem Spiegel. „Wächter?“ wiederhole ich, fast erstickend an dem Wort. „Eher … Babysitter mit Reißzähnen.“ „Versuch’s mit Henker.“ Maddox funkelt mich an. „Blake Miles, der Incubus.“ Der Professor zeigt auf den bläulichen Typen aus meinem Traum, der mich mit den verführerischsten Augen ansieht, die ich je gesehen habe. „Und unser neuer Austauschschüler, Jaden Mcleech, der Vampir auf Rang 9.“ „Ich werde nicht ihr Wächter!“ Der Drachenwandler – Morien – weigert sich sofort, seine Haut färbt sich rot. „Ich würde niemals mit dir zusammenarbeiten.“ Miles schleudert die Worte wie eine Faust zurück, und Morien zuckt sichtbar zusammen. Doch in Miles’ Augen liegt Schmerz, als er das sagt. Zwischen den beiden knistert es vor Spannung. Maddox und Jaden starren sich an, bis Jaden den Kopf schüttelt. „Wie kann die Akademie zwei verfeindete Wesen zusammenstellen?“ „Du hättest an der Shadows Academy bleiben sollen. Hier braucht dich niemand.“ Maddox lächelt, aber das Lächeln ist alles andere als freundlich. „Tut mir leid, Jungs. Es ist nicht eure Entscheidung“, sagt der Professor. „Das ist eine Anordnung der Akademie.“ Nachdem er die Verkündung beendet hat, kehrt er zu seinem Schreibtisch am Rand des Feldes zurück. Ich gehe zu ihm. Er scheint der Einzige zu sein, der Antworten auf meine endlosen Fragen haben könnte. „Professor—“ „Billy.“ „Billy, danke … für vorhin. Ich weiß nicht, was passiert ist, aber das hier ist ein furchtbares Missverständnis. Können Sie mir bitte helfen, hier rauszukommen? Oder einfach eines Ihrer Zauber mixen und erklären, warum ich überhaupt hier bin?“ Er presst die Lippen zusammen und nickt, als würde er mir zuhören. Doch kaum bin ich fertig, erhebt er sich, seine Augen flackern – Angst? Schuld? Ich kann es nicht deuten. Er schleudert drei schwere Bücher in meine Richtung, als wögen sie nichts. Ich weiche aus, sie landen auf dem Boden. „Die Bibliothek ist im dritten Stock, falls das Wissen darin nicht reicht.“ Er schnaubt und verschwindet hinter den blühenden Zweigen, die wie ein Zaun um die Klasse wachsen. Ich beschließe, ihm zu folgen. Ich gehe durch die Zweige und trete in einen wunderschönen Garten. Ich sehe mich um – kein Professor weit und breit. Wohin ist er verschwunden? Ich will gerade zurückgehen, da zucke ich zusammen. Zwischen den Zweigen steht eine hohe Gestalt. Er lehnt sich lässig an einen Ast, schwarzes welliges Haar, tiefviolette Augen, ein spöttisches Lächeln auf den Lippen. Sein lilafarbenes Hemd und die mit Ketten besetzten schwarzen Hosen – perfekt abgestimmt. „Queen of Ruin“, nennt er mich. „Miles?“ Ich kneife mich, um sicherzugehen, dass ich nicht wieder von diesem heißen Incubus träume. „Nightmare – so nennt mich die Akademie.“ Er richtet sich auf und fährt sich mit der Hand durchs Haar. Er ist einfach atemberaubend. „Du bist zu uns zurückgekehrt.“ „Uns?“ Ich trete einen Schritt zurück, um besser zu sehen. „Er nennt mich auch Königin. Was bin ich?“ murmele ich. Er macht einen langsamen Schritt auf mich zu. „Unsere wiedergeborene Königin.“ Ich weiche zurück, er kommt mir mit jedem Schritt näher – langsam, raubtierhaft. „Verbunden mit den vier Reichen der Unsterblichen.“ Ich stoße gegen einen harten Ast und merke, dass ich in der Falle bin. Er beugt sich vor, seine Lippen streifen meine, sein Blick verhakt sich in meinem. Ich trinke seine Züge mit einem hörbaren Schlucken in mich auf. „Was weißt du noch?“ „Alles.“ Seine Stimme ist seidig und ruhig … verführerisch heiß. „Ich erinnere mich an alles. Ich schwor, an dich gebunden zu sein – über all meine Leben hinweg. Spürst du die Bindung noch?“ Langsam streicht er über meinen Arm, hebt meine Hand zu seinen Lippen. „Welche Bindung?“ Meine Stimme ist heiser und brüchig. Er sagt nichts mehr, und ich auch nicht. Die Stille zieht sich, und mir wird bewusst, wie nah wir uns stehen – Körper an Körper, unsere Blicke aufeinander gerichtet. Ich kann nur ihn spüren. Wenn das hier ein Liebesroman wäre, wäre jetzt der Moment für den magischen Kuss – aber leider ist das hier die Realität und … Er küsst mich! Seine Lippen gleiten über meine, sanft, aber fordernd. Er umfasst mein Gesicht mit beiden Händen und … Mein Verstand explodiert. Was zum Teufel tue ich da, dass ich einen fremden, sexy Incubus so küssen lasse, als hätten wir unser ganzes Leben geteilt? Ich stoße ihn zurück. „Was war das?“ „Die Bindung … Es tut mir leid.“ Er entschuldigt sich – und küsst mich sofort wieder. Seine Lippen bewegen sich gekonnt gegen meine. Was auch immer er mit seiner Zunge tut – er ist ein verdammter Meister darin. Ich spüre, wie sich jedes Haar auf meinem Körper aufrichtet. Ich will ihn wegstoßen, doch mein Körper lehnt sich stattdessen an ihn, als zöge mich eine unsichtbare Schnur. Mein Siegel brennt als Antwort auf den Kuss. Ich schließe die Augen und küsse ihn zurück – mit derselben Energie, vergesse, dass ich in einer seltsamen Akademie ohne Rückweg bin. Ich hätte nie gedacht, dass Küssen sich so anfühlen kann. Mein Kopf schwirrt, meine Knie sind weich, der Kuss brennt sich in meine Haut. Ich reiße die Hände hoch – es brennt immer noch … wie … „Feuer!“ Meine Augen fliegen auf – und die Umgebung steht in Flammen. Miles löst den Kuss, wirkt aber nicht beunruhigt. „Es erinnert mich an die alte Legende“, flüstert er gegen meine Lippen. „Die Hex Queen kehrt im Feuer zurück, mit vier Herzen, die den Himmel brechen.“ Er lächelt – und ich spüre, wie sich eine Bindung schließt.
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