007

1528 Words
MAYA Er streicht sanft über meine Hüften, und seine Zähne graben sich in meinen Hals. „Bist du bereit, dein früheres Leben wiederzuerleben?“ „Was soll das überhaupt heißen?“ Ich starre ihn an, doch ein Rascheln aus dem Gebüsch zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich blicke über Miles’ Schulter und drehe meinen Kopf in die Richtung des Geräuschs. Maddox tritt aus dem Gebüsch in den Garten. Seine vollen Lippen bewegen sich, während er etwas sagt. „Miles, wo zur Hölle bist du—“ Er bricht ab, als er aufblickt und uns zusammen sieht. Seine Faust ballt sich. Sein Umhang fällt zurück und enthüllt wunderschönes Haar und ein noch schöneres Gesicht; seine Augen verengen sich, als er uns mustert. „Miles, wir haben Kampftraining“, presst er zwischen den Zähnen hervor, ohne mich wirklich anzusehen. „Ich bin gleich hinter dir.“ Miles winkt ihn ab. Maddox stürmt auf uns zu, packt Miles am Arm und stößt ihn von mir weg. „Komm schon.“ Er schiebt Miles gegen die Brust. „Lass das Mädchen in Ruhe.“ Er bebt förmlich. Ist er einfach nur wütend? Oder… eifersüchtig? Als er Miles wegstößt, verliere ich das Gleichgewicht. Ich stolpere, doch Maddox fängt mich sofort auf, legt seine Hände um meine Taille und stellt mich wieder auf die Füße. Seine Augen sind stürmisch. Mir wird heiß. Überall. „Warum bist du hier? Welche böse Absicht verfolgst du?“ „Du kennst mich doch gar nicht – warum dieser plötzliche Hass?“ schreie ich ihm ins Gesicht. „Ganz ruhig.“ Miles stellt sich zwischen uns, legt eine Hand an meine Hüfte und die andere auf Maddox’ Brust. Er drängt uns auseinander. Dann dreht er sich zu mir und schenkt mir ein spöttisches Lächeln. „Er beißt, und das willst du nicht.“ Ich atme tief durch den Mund und fächere mir Luft zu. Hier ist es wirklich heiß. Miles zieht Maddox in eine Ecke, und sie beginnen zu flüstern – aber ich höre jedes einzelne Wort klar und deutlich. „Sie ist es“, flüstert Miles. „Wer?“ Maddox klingt verwirrt und wirft mir einen kurzen Blick zu. „Unsere Königin“, sagt Miles und macht eine Pause, vielleicht in der Hoffnung, dass Maddox etwas erwidert. Doch als er schweigt, fährt Miles fort. „Ich verstehe, dass du dich wegen dem, was vor Jahrzehnten passiert ist, noch immer schuldig fühlst. Aber das hier ist ein neues Leben, Vargis. Tu nicht so, als würdest du sie nicht sehen. Lass dich nicht von Schuld auffressen.“ „Was redest du da, Miles? Ich hab dir gesagt, ich erinnere mich an nichts, was tausend Jahre zurückliegt. Niemand in der Akademie tut das.“ Maddox klingt ruhig – seltsam ruhig, wenn man bedenkt, dass er eben noch wie ein tollwütiger Hund gewütet hat. „Versuch dich zu erinnern, Bruder. Wenn du dich bemühst, kommen Bruchstücke zurück.“ Miles klingt ungeduldig, aber sicher. „Ich erinnere mich, okay? Und das, weil ich mein Leben lang an sie gebunden war.“ Was weiß Miles über mich, das niemand sonst erinnert – nicht einmal ich? Aber Jaden schien auch etwas zu wissen, im Büro der Großmeisterin. Und der Blick des Drachengestaltwandlers… erinnert er sich auch? Maddox stöhnt, hält sich den Kopf und murmelt eine Beschwörung in einer fremden Sprache. Dann lässt er die Hände sinken und lehnt sich erschöpft gegen einen Ast. „Ich kann nicht… Ich habe keine Erinnerung an sie.“ Er richtet sich auf. „Das Einzige, was mein Wolf mir sagt, ist Gefahr. Sie ist gefährlich!“ faucht er. „Warum bist du so geladen? Entspann dich. Sind wir nicht Brüder?“ Miles’ Stimme ist weich. Er greift nach Maddox’ Händen und reibt ihm beruhigend den Rücken. „Ja… ja, sind wir.“ Maddox wirkt abgelenkt. „Es ist nur… mein Wolf, er ist unruhig.“ Er verlagert sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. „Ich glaube, das liegt daran, dass er vielleicht seine Gefährtin gefunden hat“, sagt Miles und ballt begeistert die Faust in die Luft. „Verdammt!“ Maddox schreit auf und sieht mich an. Ich zucke zusammen und wende hastig den Blick ab, damit sie nicht merken, dass ich gelauscht habe. Maddox stößt Miles von sich und geht auf das Gebüsch zu, bleibt dann aber stehen. „Wir teilen keine Frauen, das weißt du. Ich würde niemals auch nur in Richtung eines Mädchens sehen, das du geküsst hast – geschweige denn einer, die du für deine Gefährtin hältst. Kampftraining läuft bereits. Du solltest lieber kommen und deine sexy Beine trainieren,“ sagt er spöttisch, bevor er verschwindet. Miles schaut mich an. „Wir sollten zurückgehen.“ „Was wolltest du sagen, bevor der Werwolf uns unterbrochen hat?“ Ich eile ihm nach. „Wenn ich dir jetzt alles erzähle, zerbrichst du.“ Er bleibt stehen und sieht mich mit unglaublich traurigen Augen an. „Und wenn ich warte, verliere ich dich vielleicht.“ „Jaden hat etwas Ähnliches gesagt,“ flüstere ich. „Vampire sind manipulativ.“ Miles greift nach meinem Handgelenk, dreht mich sanft zu sich und hebt meine Hand, um sie zu küssen. „Es scheint, ich bin der Einzige, der sich an alles erinnert. Das macht mich zu deinem einzigen wahren Verbündeten.“ Ich nicke und folge ihm zurück zum Unterricht. Als wir zurückkommen, hat der Ausbilder die Schüler bereits in Paare eingeteilt. Morien trainiert mit einem pinkhaarigen Feenmädchen. Ich sehe mich um – Jaden ist nirgends zu finden. Maddox steht allein… oder vielleicht bin ich die ohne Partner, denn Miles hat sich bereits seinem Freund zugewandt. Er öffnet die Knöpfe seines Hemdes, krempelt die Ärmel hoch und bereitet sich aufs Training vor. „Nein, nein, nicht heute,“ sagt der Ausbilder und hält Miles auf. „Lass die neue Rekrutin der Akademie sich versuchen.“ Er sieht mich an, dann Maddox, neigt den Kopf und deutet, dass ich zu ihm gehen soll. Nein – ich spüre in meinen Knochen, dass das eine schlechte Idee ist. Maddox schaut sich um. „Ganz sicher nicht mit mir. Sie und Miles scheinen ein gutes Team zu sein. Warum kämpfen sie nicht gegeneinander?“ „Maddox Vargis!“ Der Ausbilder schreit. „Miles kann nicht antreten, aber du bist fit. Maya Carter muss gegen die Besten trainieren. Wenn du weiter diskutierst, kannst du dich gleich von den Blutkämpfen verabschieden – und du weißt, dass das deine einzige Eintrittskarte in die Eliteausbildung ist.“ Maddox ballt die Fäuste, seine Augen leuchten bernsteinfarben. Er sieht wirklich wütend aus. „Mondmist,“ knurrt er, beißt sich auf die Lippe und mustert mich – oder checkt er mich etwa aus? Seine Blicke bleiben eindeutig zu lange an meiner Brust und meinen Hüften hängen. Ich kremple die Ärmel hoch und binde mir die Haare zusammen. Keine Ahnung, wie ich in Rock und Bluse gegen einen wütenden Wolf kämpfen soll, aber es ist ja nur Training, oder? Ich betrete das Übungsfeld, und das Paar neben uns sind Morien und das pinkhaarige Mädchen. Meine Hand streift leicht Moriens Rücken, und er wirbelt herum und starrt mich an, die Schuppen an seinem Hals glitzern im Licht. „Ge…ist!“ stammelt er und kann mir nicht in die Augen sehen. „Berühr mich nie wieder.“ Dann stürmt er vom Trainingsplatz. Ich sehe ihm noch nach, als plötzlich ein scharfer Schlag mein Fußgelenk trifft. Ich springe, verliere das Gleichgewicht und falle hin. Ich stöhne auf und blicke nach oben – Maddox steht über mir, mit einem spöttischen Grinsen. „Konzentration!“ Ich rapple mich hoch, und er beginnt wieder, Schläge und Tritte gegen mich zu setzen. Er ist brutal, sein wilder Wolf scheint übernommen zu haben – und er will mich vernichten. Ich versuche nur auszuweichen, so gut ich kann. Beim zweiten Mal bringt er mich erneut zu Fall, doch diesmal hake ich meine Beine um seinen Knöchel und reiße ihn mit zu Boden. Er will aufstehen, aber ich drehe mich blitzschnell um und setze mich auf ihn, halte ihn fest – unsere Körper sind ineinander verschränkt. „Hab dich!“ Ich spreche durch den Gedankenlink. Ich weiß nicht wie, aber ich kann es. Schon zuvor konnte ich fremde Gedanken hören – vielleicht habe ich dadurch die Fähigkeit freigeschaltet. Unsere Herzen schlagen ungleichmäßig, unsere Atemzüge sind schwer. „Du hättest fortbleiben sollen,“ antwortet er durch den Link, doch seine Stimme klingt anders… fremd, befehlend. Ich sage nichts – aber etwas in mir antwortet. „Und doch behauptest du, du kennst mich nicht?“ „Er nicht – aber ich schon.“ Die Stimme in ihm hallt in meinem Kopf wider. Er hebt seine Hand, und das Erste, was ich sehe, ist das zerbrochene Glas in seinen Fingern. Mein Siegel brennt, während ich es anstarre… Alles um mich herum verschwindet – und anstelle von Maddox liege ich auf dem Boden, in einem zerrissenen Ballkleid, genau an derselben Stelle, aber die Umgebung ist älter, antik. Überall liegen zerbrochene Gliedmaßen und Schädel; Staub wirbelt auf, als Füße über mich hinwegrennen. Schreie erfüllen die Luft. Blut tropft von meinem Körper, während ein Mann mich niederdrückt – eine Waffe in seiner erhobenen Hand.
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