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1139 Words
ANN Notiz an mich selbst: Nächstes Mal, wenn ein heißer, reicher Typ dafür bezahlt, dass man mit ihm schläft und dann mitten unter der Dusche verschwindet, vielleicht nicht die ganze nächste Woche damit verbringen, es wie den eigenen Lieblingsporno immer wieder abzuspielen. …Wer mache ich was vor? Ich habe genau das schon getan. Schon zweimal heute. Nalim, mein Freund, hatte mir letzte Nacht geschrieben, gefragt, ob alles okay sei, weil ich beim Fußballtraining „wie tot“ ausgesehen hätte. Typisch Nalim – er merkt immer, wenn ich den Boden unter den Füßen verliere, bietet immer Essen oder sein Sofa an, und bohrt nie nach. Süß. Schade, dass ich das über niemand anderen gerade in meinem Leben sagen kann. Nachdem ich mir die Hände am Waschbecken gewaschen hatte, fing ich mein Spiegelbild ein – müde Augen, verschmierter Mascara, Haare rebellierten gegen den Pferdeschwanz. Ich glättete sie, richtete die Schürze und spürte, wie die Angst sich in meinem Magen zusammenknotete. Heute Abend stand die Schicht im Club an, aber zuerst musste ich den Vormittag im Café und zwei Vorlesungen überstehen. Dann wäre ich auf halbem Weg zu meinem finanziellen Ziel. „Konzentrier dich,“ formte ich mit den Lippen zum Spiegel. „Zehntausend Dollar.“ Mein Gehirn verriet mich trotzdem. Bilder aus dieser erbärmlichen, nächtlichen Google-Recherche tauchten ungefragt auf: Rian Kronfeld, Berlins Rockstar-Architekt, seit zwei Jahren geschieden, Millionen wert, nie ohne atemberaubende Frau am Arm fotografiert – schwarze Krawatten, Charity-Golf, Zigarren, müheloser Charme. Spieler durch und durch, Schlagzeilen überall. Warum dachte ich überhaupt an ihn? Er war weg. Das hatte er mehr als deutlich gemacht, als er gegangen war. Ich richtete meine Haare ein letztes Mal und trat in die Gasse neben dem Café. Um die Ecke blickend, sah ich die überfüllte Straße. Dasselbe Chaos wie jeden Tag. Und da stand er – Rian, Hände in den Taschen, starrte direkt auf das Café. Mein Herz schlug mir in die Rippen. Er frierte für einen Moment, sichtlich überrascht, dann drehte er sich weg und ging. Nein. Was zum Teufel – er ging einfach? Panik schoss durch mich. Ich rannte über die Straße, schlängelte mich zwischen Autos, wich Flüchen aus. „Rian!“ rief ich, doch er ging weiter. „Herr Kronfeld!“ Endlich blieb er stehen und drehte sich um. Sein Gesicht verfinsterte sich, als er mich sah, ein flüchtiger Ausdruck von Bedauern huschte vorbei, bevor er hinter seiner üblichen abweisenden Miene verschwand. „Was machst du?“ verlangte ich, die Hände erhoben. „Gehst einfach vorbei, ohne auch nur hereinzukommen?“ Er presste die Lippen zusammen, Augen fixierten die meinen. Dunkles Haar, gebräunte Haut unter dem makellosen weißen Hemd im dunkelblauen Anzug. Verdammt, kein Mann sollte so einen Anzug tragen dürfen. Es sollte illegal sein. Hitze kroch meinen Nacken hoch. Ich hasste, dass es mich interessierte, was er dachte. Ich hasste, dass ich hier in meiner Schürze, mit wirren Haaren stand, verzweifelt beweisen wollte, dass ich keine billige Affäre war, die er vergessen konnte, obwohl er es bezahlt hatte. Obwohl er derjenige war, der weggerannt war. Ich verstand nicht einmal, was ich fühlte – oder warum. „Ich mache dort nur vier Schichten,“ zuckte ich mit den Schultern. „Im Club, meine ich.“ Sein Kiefer spannte sich. „Ich brauche das Geld, um aus dem Studentenwohnheim auszuziehen. Ich bin hier mit Stipendium, und ich kann dort nicht mehr leben. Jede Nacht Partys, ich dreh durch. Du weißt gar nicht, wie schlimm es ist,“ ließ ich schnell heraus. Ich war offen, verletzlich – und er steckte immer noch die Hände in die Taschen, kalt und abweisend. „Ich arbeite die nächsten drei Donnerstagabende, dann kündige ich.“ Nach einer Pause sagte er schließlich: „Warum sollte mich das kümmern?“ „Weil ich…“ Mein Herz hämmerte. Was zum Teufel tat ich hier? „Ich will nicht dort arbeiten, ohne dass du da bist. Ich kann den Gedanken nicht ertragen.“ Er zog die Augenbrauen zusammen. „Ich bin nicht der, für den du mich hältst, Rian.“ Seine Lippen verzogen sich, als wollte er etwas zurückhalten. „Wenn du es nicht wärst, hätte ich in jener Nacht keinen s*x gehabt. Es war nur, weil ich dich mochte, bevor ich überhaupt dort gearbeitet habe.“ Er schwieg. „War’s das? Alles, was du zu sagen hast? Ich flehe, dich zu sehen, und du sagst kein Wort?“ Ich warf frustriert die Hände hoch. „Weißt du was?“ Ich schüttelte den Kopf. „Vergiss, was ich gesagt habe. Ich flehe um niemanden. Komm erst gar nicht.“ Wieder Stille. „Du bist nicht die Einzige, die enttäuscht ist,“ schnappte ich. Er runzelte die Stirn. „Was meinst du?“ „Du bist auch nicht der, für den ich dich hielt.“ „Für wen hast du mich gehalten?“ Ich sah mich um – die Leute um uns herum, verloren in ihren Routinen, völlig ahnungslos. Ich drehte mich zurück zu ihm und zuckte mit den Schultern. „Jemand, der es wert war.“ Ich lächelte traurig. „War er wohl nicht.“ Ich starrte das Mädchen im Spiegel an. Voll geschminkt, schwarzes Spitzen-Bustierkleid, das jede Kurve umschloss, als wäre es auf ihre Haut genäht. Perfekte Haare, rote Lippen, scharfe Augen. Sie sah überhaupt nicht so aus, wie ich mich fühlte. Hinter der Bühne summte die Luft vor Aufregung. Die Velvet Roses vibrierten fast vor Energie. Lachen, Parfum, das Klackern von High Heels auf Fliesen, das Zischen von Haarspray – alles füllte den Raum. Der Gedanke, heute Abend einen Mann zu unterhalten, drehte mir den Magen um. Ich schlief mit niemandem – nicht heute, nicht morgen, wenn ich es verhindern könnte, nie wieder. Selbst flirten erschien erschöpfend. Herr Kronfeld hatte den Tiger in meiner Libido endgültig gezähmt. Nachdem ich seine Größe gesehen hatte, fühlte ich mich tagelang wie ein Rehkitz auf Rollschuhen. Aber der körperliche Schmerz war nichts gegen die Demütigung. Mein Ego blutete noch. Ich hatte heute Morgen gebettelt, als ich ihn sah. Lächerlich. „Ernsthaft? Er ist wirklich zurück?“ Ein quietschendes Geräusch schnitt durch den Nebel. Gigi – lange dunkle Haare, Beine ohne Ende – lugte durch den Spalt im Samtvorhang, der uns vom Catwalk trennte. „Er ist da. Er war seit Monaten nicht hier.“ Sie tanzte zurück zu ihrem Schminkplatz. „Er ist hier.“ Sie fächerte sich mit einem Handspiegel Luft zu. „Ich würde heute Nacht glücklich sterben.“ „Wer ist hier?“ fragte jemand. „Herr Silver.“ „Kronfeld ist hier?“ flüsterte jemand anderes. „Ihr dürft seinen richtigen Namen nicht kennen,“ zischte ein weiteres Mädchen. Er ist da. Die Mädchen explodierten in aufgeregtes Geplauder, und mir sackte der Magen. „Ich krieg ihn.“ „Nein, ich will ihn.“ „Er gehört mir.“ Verdammt. Er hatte einen Fanclub. Das könnte ein Problem werden.
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