ANN
Warum war ich noch überrascht?
Ivy fixierte Rian in dem Moment, als Zara die Auswahl öffnete. Sie zögerte keinen Augenblick, warf keinen Blick auf die anderen Männer, die wie teure Trophäen nebeneinander standen. Sie trat vor, Kinn hoch, Lippen zu einem wissenden Lächeln gekrümmt, und sagte seinen Namen, als gehörte er schon ihr.
„Rian Kronfeld.“
Der Raum atmete aus. Lächeln fluteten durch die Menge. Und ich? Ich stand wie gelähmt auf dem Catwalk in diesem Stück Seide und in High Heels, der Magen sackte ab, als hätte mich jemand von einer Klippe gestoßen.
Er zuckte nicht einmal, wirkte nicht überrascht. Er neigte den Kopf, ein langsames, räuberisches Lächeln breitete sich über sein Gesicht, während Gigi zu ihm glitt. Sie schob ihre Hand in seine, als hätte sie es hundertmal getan – und das hatte sie. Ich wusste, dass sie es getan hatte. Übelkeit stieg so schnell auf, dass ich Metall schmeckte.
Ich müsste längst abgestumpft sein. Ich hatte zugesehen, wie er vorher mit ihr davonging, den Schatten seiner Berührung gespürt, während sie die echte bekam. Aber heute Abend – die zwanzigtausend Dollar, die ich für Mamas Arztrechnungen brauchte, fühlten sich im Vergleich zu der Demütigung in meiner Brust wie Kleingeld an.
Gigi wählte ihn wieder. Und er ließ es zu.
Rian fuhr sich mit der Zunge über die Zähne, Kiefer gen Decke geneigt, als koste er seinen Sieg aus. Zara strahlte. „Herr Kronfeld, Sie haben heute Abend wirklich Glück.“
Er stand auf, jede Bewegung bewusst, nahm Ivys Hand und führte sie von der Bühne, ohne sich umzusehen. Ich senkte den Kopf, Haare fielen wie ein Vorhang, aber sie konnten den Brand hinter meinen Augen nicht verbergen.
Was zum Teufel war gerade passiert?
„Darf ich Nyx vorstellen!“ Zaras Stimme hallte hell durch den Raum, völlig unbeeindruckt von dem Riss in meiner Welt. „Das ist erst ihre zweite Schicht. Wer wird ihr zweites Date sein?“
Die Männer verschoben sich, bildeten eine Linie um mich wie Wölfe im Kreis. Gebote flogen – fünfzigtausend, fünfundsechzigtausend – Zahlen, die wie Rettung hätten wirken sollen, die aber wie Beleidigungen einschlugen.
Ich blickte Richtung Ausgang. Rian und Gigi verschwanden den Korridor entlang. Er beugte sich vor, murmelte ihr etwas ins Ohr, und sie lachte – leise, intim, triumphierend – und mein Blick verschwamm am Rand.
Ich zwang meinen Blick zurück zu den Männern, scannte sie, als hinge mein Überleben davon ab – weil es so war.
Der freundlichste – Mr. Keegan – hatte sanfte Augen, kein lüsternes Funkeln. Er würde eine Ablehnung ohne Grausamkeit akzeptieren. Er würde mir die fragile Rüstung lassen, die mir noch geblieben war.
„Mr. Keegan,“ flüsterte ich.
Er trat vor, nahm meine Hand, küsste trocken die Knöchel. „Nyx.“ Sein Duft war sauber, unauffällig, nichts wie Rians dunkle Gewürze, die noch auf meiner Haut brannten.
Er führte mich den Catwalk hinunter zum Aufzug, zu dem Raum, den ich nicht betreten wollte.
War Rian schon dabei, sie zu küssen? Seine Finger unter ihr Kleid zu schieben? Den Mund an ihren Hals zu legen, während sie sich wölbte und seinen Namen stöhnte – so wie ich es einst getan hatte, und geschworen hatte, nie wieder? Meine Oberschenkel zogen sich unwillkürlich zusammen. Verräterische Hitze breitete sich aus. Ich hasste meinen Körper dafür, dass er sich erinnerte.
Die Aufzugtüren glitten zu. Stille drückte auf uns, d**k wie das Parfum, das an meiner Haut klebte.
„Du bist still,“ sagte Mr. Keegan leise.
Ich zwang ein Lächeln. „Nur… ich nehme es auf.“
Er nickte, drängte nicht, doch sein Daumen strich über den Handrücken, und meine Haut kribbelte.
Die Türen öffneten sich. Wir gingen den Flur entlang. Er öffnete die Tür zur Suite, üppig, in Schatten getaucht, Champagner bereits kühl gestellt.
„Champagner?“ fragte er.
„Bitte.“ Ich trat zum bodentiefen Fenster, starrte auf Berlins gleichgültige Lichter, die sich darunter bewegten. Kein Geldbetrag war diese Erniedrigung wert.
Er schenkte ein, reichte mir das Glas. Unsere Finger streiften sich. Ich nahm einen Schluck – knackig, kalt, fast reinigend. Fast.
Ein Klopfen zerschmetterte die Stille, scharf und fordernd.
„Erwarten Sie jemanden?“ fragte ich.
„Nein.“ Er runzelte die Stirn, ging zur Tür, öffnete sie.
Rian stand im Flur. Anzug makellos. Augen schwarz, etwas Wildes darin.
„Kann ich reinkommen?“ Keine Frage.
„Was willst du?“ Mr. Keegans Stimme wurde hart.
Rian schob ihn zur Seite, als wäre er nichts, trat ein, schloss die Tür mit einem Klick, der durch den Raum hallte, und sein Blick fand meinen – brennend, besitzergreifend –, bevor er wieder zu Keegan glitt.
„Wir tauschen Partner.“
„Über meine Leiche.“
„Teste mich nicht.“
„Ich sagte nein.“ Keegan schubste ihn. Rian drängte zurück – härter, kontrolliert, absichtlich.
„Geh,“ knurrte Rian. „Dein neues Zimmer ist 121. Ivy wartet. Ich habe es ihr schmackhaft gemacht – sie ist schon aufgeregt.“
„Sie hat mich nicht zuerst gewählt, Arschloch. Ich will Nyx.“ Ein weiterer Schub.
„Du kannst sie nicht haben.“
„Hör auf!“ Meine Stimme riss wie Glas. Ich trat vor, zitternd. „Ich bin kein verdammtes Objekt, das ihr tauschen könnt. Keiner von euch entscheidet über meinen Körper.“
Ich riss die Tür auf. „Raus. Beide. Ich habe mit keinem von euch s*x. Geht.“
Rians Lippen zuckten, amüsiert, fast stolz, als wäre meine Wut das Vorspiel gewesen, auf das er gewartet hatte.
„Siehst du?“ Er gestikulierte lässig. „Sie fickt heute niemanden. Ihr könnt genauso gut auf Gigis Angebot eingehen. Wir wissen beide, dass sie eine sichere Sache ist.“
Die Worte detonierten. Wie oft war er schon bei ihr gewesen? Wie viele Nächte hatte sie, was ich nicht aufhören konnte zu begehren?
Wut überblendete alles. „Du glaubst, ich würde etwas anfassen, das Gigi schon hatte? Jemandes übrig gebliebene Spuren? Dieser Club, dieser ganze verdammte Ort, und besonders du, beleidigt jeden mit Selbstrespekt.“
Ich stieß ihn zur Tür, wandte mich an Keegan. „Gigi oder der leere Raum. Entscheide jetzt. s*x mit dir passiert nicht. Nie.“
Ich stürmte den Flur hinunter, knallte die Zimmertür so fest, dass der Rahmen zitterte.
Mein Herz hämmerte gegen die Rippen. Adrenalin raste – Hände zitterten, Atem keuchend. Zehntausend waren besser als nichts. Mama konnte einen weiteren Monat essen. Aber Gott, was es mich kostete, diese Würde zu wahren.
Ich lehnte mich gegen die Tür, rutschte hinunter, bis ich auf dem Teppich saß. Tränen brannten, doch ich blinzelte sie zurück. Nein. Nicht für ihn.
Ich stand auf, ging ins Bad, starrte die Fremde im Spiegel an – ganz geschminkt, perfekte Augen, fremder Körper.
Champagner. Ich brauchte den Champagner.
Ich schnappte die Flasche aus dem Wohnzimmer, füllte das Glas bis zum Rand. Bläschen zischten, ein langer, scharfer Schluck, fast genug, um den Geschmack von allem wegzuspülen.
„Willst du mir auch eins anbieten?“ Eine tiefe Stimme hinter mir.