Kapitel 4: Der Test des Vertrauens

1159 Words
Kapitel 4: Die Prüfung des Vertrauens Der Wind blies mit unerwarteter Kraft, die fernen Geräusche der Kämpfe hallten noch in meinem Geist wider. Mit jedem Schritt, den ich auf diesem verwüsteten Boden machte, spürte ich die Schatten der Vergangenheit schwerer werden. Der Krieg war nicht vorbei, und ich wusste, dass jeder Moment mit Freya, jedes geteilte Wort, ein weiterer Schritt auf einem unsicheren Weg war. Doch in diesem präzisen Moment hatte ich keine Gewissheiten mehr. Die Rache, die mich monatelang, ja jahrelang angetrieben hatte, schien langsam unter dem Einfluss dieses Gesprächs zu schwinden. Ich warf einen flüchtigen Blick zurück. Freya ging einige Schritte hinter mir, ihre fragile Silhouette unter der leichten Rüstung, die sie trug. Sie hatte sich entschieden, mir zu folgen, trotz der Risiken. Eine Entscheidung, die mich perplex ließ. Vielleicht hatte sie sich endlich entschieden, sich vom Joch Alistairs zu befreien, aber wie lange würde das dauern? Ich hatte keine Antwort, und der Gedanke, ihr auch nur ein kleines Stück Vertrauen zu schenken, machte mich unwohl. "Jason," sagte sie plötzlich und durchbrach das drückende Schweigen zwischen uns. Ihre Stimme war ruhig, aber in ihren Worten lag ein Zittern. "Ich weiß, dass du dich fragst, ob du mir vertrauen kannst. Und ich verstehe… wirklich. Aber bitte, urteils nicht über mich aufgrund dessen, was ich in der Vergangenheit getan habe. Ich war nicht frei." Ich hielt nicht an, ging weiter, ohne sie anzusehen, versuchte den Krieg zu beherrschen, der in mir tobte. "Du willst, dass ich dir vertraue, aber das geschieht nicht mit einem Fingerschnippen, Freya. Ich habe zu viele Dinge gesehen, zu viele Menschen verloren, um mich unüberlegt auf diesen Weg zu begeben." Dann holte sie zu mir auf, ihr Schritt schneller, ihr Blick etwas entschlossener. "Ich weiß, dass es schwer ist. Aber das ist meine Chance, alles zu ändern, Jason. Ich brauche dein Vertrauen nicht sofort. Aber ich möchte nicht, dass du mich hasst, noch dass du mich als die Feindin betrachtest, die du glaubst, dass ich bin." Ich seufzte und ging langsamer, wissend, dass das Gespräch noch lange nicht vorbei war, aber dass es uns nirgendwohin führen würde, wenn ich weiterhin vor ihr floh. "Also, was möchtest du, dass ich tue, Freya? Wie willst du beweisen, dass du wirklich ändern willst, dass du wirklich helfen willst?" Sie zögerte einen Moment, als ob die Antwort nicht leicht käme, aber schließlich antwortete sie mit einer sichereren Stimme. "Ich weiß, dass das, was ich jetzt sage, dir absurd erscheinen wird, aber ich habe Informationen über Alistair. Informationen, die entscheidend sein könnten, um diesen Krieg ein für alle Mal zu beenden. Er ist nicht unbesiegbar, Jason, und ich kann dir helfen, ihn dort zu erreichen, wo er verwundbar ist." Ich wandte mich dann zu ihr, mein Blick hart und misstrauisch. "Warum sagst du mir das? Warum jetzt?" Freya hielt einen Moment inne, und ich spürte eine tiefe Zögerlichkeit in ihrem Blick. "Weil ich weiß, dass ich nichts mehr verstecken kann. Mit jedem Tag, der vergeht, sehe ich die Zerstörungen, die mein Bruder anrichtet, und ich habe das Gefühl, dass es auch meine Schuld ist. Ich wollte das alles nie. Aber ich habe mich mitreißen lassen. Ich habe mich manipulieren lassen. Und jetzt möchte ich mich rehabilitieren." Ein Gewicht legte sich auf meine Schultern. Der Druck der Entscheidung, die vor mir lag, drückte mich. Konnte ich es mir wirklich erlauben, ihr eine Chance zu geben, ihre guten Absichten zu beweisen? Konnte ich das Risiko der Rache, die mich so lange angetrieben hatte, für eine fragile Allianz mit einer Vampirin, die, trotz allem, was sie gesagt hatte, immer noch auf der anderen Seite stand, eingehen? Aber ein anderer Gedanke durchzuckte meinen Kopf. Was, wenn sie die Wahrheit sagte? Was, wenn sie nicht die Feindin war, die ich glaubte, sondern eine potenzielle Verbündete, eine Waffe im Kampf gegen Alistair? Der Gedanke, meinem Feind gegenüberzutreten, während ich jemanden hatte, der seine Strategien kannte, war verlockend. "Gut," sagte ich schließlich, wandte mich ihr zu, der Blick kalt, aber entschlossen. "Ich werde dir eine Chance geben. Aber sei dir bewusst, das ist alles. Eine Chance. Und wenn du mich verrätst, wenn du irgendetwas tust, was wie ein hinterhältiger Schlag aussieht… Ich werde nicht zögern, dich aufzuhalten." Sie nickte, ihre Augen leuchteten vor Dankbarkeit. "Ich verstehe. Und ich werde dich nicht enttäuschen." Ein drückendes Schweigen legte sich über uns, während wir weitergingen. Ich war mir nicht sicher, was die Zukunft für mich bereithielt. Ein Teil von mir war fest in der Rache verankert, während der andere sich von einem dünnen Faden des Zweifels und der Möglichkeit leiten ließ. Aber zum ersten Mal begann ich in Erwägung zu ziehen, dass das Ende dieses Krieges vielleicht nicht nur durch die Zerstörung meines Feindes, sondern auch durch Versöhnung erreicht werden könnte. --- Am nächsten Tag hatten wir einen alten Vampirunterschlupf erreicht, einen verlassenen Ort, den Freya vorgeschlagen hatte. Sie schien nervös, fast zögerlich, was im Kontrast zu dem Selbstbewusstsein stand, das sie am Tag zuvor gezeigt hatte. Ich war auf der Hut, wusste nicht wirklich, was mich erwartete. "Wir müssen diskret sein," flüsterte sie. "Hier sind Agenten von Alistair. Aber ich kenne diesen Ort gut. Es gibt einen geheimen Durchgang, der zu einem seiner privaten Heiligtümer führt. Wenn wir es schaffen, uns unbemerkt hinein zu schleichen, können wir die Informationen bekommen, die wir brauchen." Ich sah sie aufmerksam an, beobachtete ihre Bewegungen, analysierte die Situation. Ich wollte an ihre Absichten glauben, aber die Realität war, dass ich sie nicht aus den Augen lassen konnte. Jede Bewegung, die sie machte, war in meinen Augen verdächtig. "Und warum sollte ich dir auf Wort glauben?" fragte ich, sie herausfordernd. Sie drehte den Kopf zu mir, ihr Gesichtsausdruck ernst. "Weil ich, wenn ich dir wirklich schaden wollte, nicht hier wäre. Ich könnte dich einfach verlassen und Alistair den Rest erledigen lassen." Ich antwortete nicht sofort, aber ich verstand, was sie meinte. Wenn sie mich hätte verraten wollen, hätte sie dazu tausend Gelegenheiten gehabt, und die Situation war viel zu riskant, als dass sie vorschnell handeln könnte. Doch das bedeutete nicht, dass ich meine Wachsamkeit aufgeben sollte. Vorsichtig betraten wir den Unterschlupf, und die bedrückende Atmosphäre erinnerte mich daran, warum dieser Ort mich unwohl machte. Es war ein Kriegsheiligtum, ein Ort, an dem Intrigen im Schatten gesponnen wurden. Die Stimmen von Alistairs ehemaligen Verbündeten schienen noch in den Wänden widerzuhallen. Wir schlichen durch die dunklen Flure, jeder unserer Schritte hallte schwer im Schweigen wider. Freya schien jede Ecke zu kennen, und ich folgte ihren Anweisungen, mein Herz schlug heftig bei jeder Straßenecke, jeder Tür, jeder Bewegung. Schließlich, nach dem, was eine Ewigkeit schien, standen wir vor einem kleinen geheimen Durchgang. Freya hielt an, wandte sich mit einem bedeutungsvollen Blick zu mir. "Wenn du diesen Krieg wirklich beenden willst, Jason, beginnt es hier," sagte sie sanft, fast wie ein Versprechen. Ich atmete tief ein und trat dann in den Durchgang ein, folgte Freya in die Dunkelheit. Die Zukunft von allem, was ich kannte, hing davon ab.
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