Wir waren schon mindestens drei oder möglicherweise so gar vier Stunden unterwegs. Es war schon vollkommen finster um uns herum. Solus meinte, wir müssten in höchstens einer Stunde da sein. Meine Beine hatten mir schon lange ihren Dienst versagt, daher befand ich mich auf den starken Schultern Solus, der mich mühelos durch die Dunkelheit trug, als wir in der Ferne ein unheimliches Heulen vernahmen, das sich rasch näherte.
Hastig setzte Solus mich ab und schob mich hinter sich.
„Sind das Wölfe?“
„Scht! Ich schätze schon. Sei ganz still und gerate ja nicht in Panik hörst du. Die Biester riechen Angst noch fünfzig Kilometer gegen den Wind.“
Zitternd fügte ich mich.
„Hier. Nur für den Notfall. Wölfe greifen normalerweise keine Menschen an. Ich schätze sie sind auf der Jagd nach etwas ganz anderem.“
Mit ernstem Gesicht reichte Matthias mir seinen Dolch, den er sonst vermutlich zum Ausnehmen seiner Beute verwendete.
„Aber ...“
„Pssst. Keinen Laut mehr.“
Aber ich kann doch mit so einem Ding gar nicht umgehen!, schoss es mir durch den Kopf. Was soll ich außerdem mit so einem kleinen Zahnstocher ausrichten?! Soll ich damit die Wölfe in den Hinter pieksen oder was? Trotz Solus Warnung spürte ich wie Panik in mir aufstieg. Ich war vollkommen am Ende. Und jetzt auch noch das! Schlechte Laune begann sich bitter und schwer in meinen Därmen auszubreiten. Ich knrischte mit den Zähnen, befahl mir jedoch ruhig zu bleiben.
Ich war nie wirklich gläubig gewesen, doch nun fing ich still an zu beten. Ob es Gott in dieser fremden Welt wohl auch gab? Aber natürlich. Wenn es Gott gab, dann überall. Zitternd beobachtete ich wie die beiden Männer Pfeile aus ihren Köchern holten und die Bogen spannten. Das Heulen war längst verstummt, doch nun hörte ich wie das Gebüsch um uns herum zu rascheln begann. Ich zog Matthias Mantel, den er mir vor unserer Abreise gegeben hatte, enger um mich, versuchte mich zu beruhigen, indem ich mich nur noch auf meinen Atem konzentrierte. Aus ... und ein ... aus ... und ein. Doch als der erste Wolf durchs Dickicht drang konnte ich einen lauten Aufschrei nicht mehr unterdrücken. Ich bis mir so fest auf die Zunge, das ich Blut schmeckte. Meine Hand verkrampfte sich um den Griff des Dolches. Nun war ich froh, dass ich so wenigstens etwas hatte um mich daran festzuhalten. Auch wenn mir eine Zigarette fast noch lieber gewesen wäre...
Immer mehr Wölfe drangen aus dem Dickicht empor. Nach wenigen Sekunden waren wir völlig eingekreist.
Nichts bewegte sich, kein Laut war zu hören, der Wald selbst war verstummt. Keine Eulen waren mehr zu hören, kein Scharren mehr, von emsigen Füßen, die nachts durch den Wald wuselten auf der Suche nach ihrer geeigneten Beute.
Warum zum Teufel waren wir nicht auf einen Baum geklettert? Jedes Kind wusste doch, dass Wölfe nicht klettern konnten!
Da geschah das Unglaubliche. Die Reihe der Wölfe teilte sich und aus dem Dickicht trat ein riesiger Wolf. Ich bezweifelte, dass es auf der Erde überhaupt so große Wölfe gab. Das Tier war so groß wie ein Pony! Sein blutrotes Fell stand wirr von seinem Körper ab, was seinem gefährlichen Äußeren genau die richtige Würze gab. Und das Schlimmste war, dass seine leuchtend grünen Augen direkt auf mich gerichtet waren.
Er näherte sich mir Schritt für Schritt. Ganz gemächlich kam er auf mich zu.
Er fletschte weder die Zähne noch tat er sonst etwas, dass ich in diesem Moment von so einem Ungeheuer erwartet hätte.
Warum schießen sie nicht! Sie haben doch den Anführer eindeutig direkt vor sich! Vielleicht fliehen die andern ja einfach, wenn wir ihren Chef ausschalten!
Ich bemühte mich ruhig zu bleiben, während das Monster lautlos auf mich zukam. Als sich der Kreis der Wölfe wieder geschlossen hatte, begann das unheimlichste Schauspiel, das ich je gesehen hatte. Die Tiere begannen einstimmig zu heulen. Alle, bis auf ihren Anführer, der uns nun erreicht hatte.
Er stand vor mir. Blickte mir direkt in die Augen. Und mit einem Schlag fiel die gesamte Angst von mir ab. Während ich zu dem großen Tier aufsah, verlor ich für kurze Zeit das Geschehen um mich herum völlig aus den Augen. Ich sah etwas in den Augen dieses Tieres, das ich bis heute noch nicht völlig verstanden habe. Aber ich wusste plötzlich, dass ich mich nicht mehr zu fürchten brauchte. Die Tiere würden mir nichts tun. Und was das wichtigste war. Ich wusste mit einem Schlag, dass alles um mich herum keine Lüge war. Ich war weder verrückt, noch lag ich im Koma oder sonst etwas. Diese Welt, sie war Realität und ich war aus einem ganz bestimmten Grund hier.
Aber ich sah in seinen Augen noch vieles mehr. Ich sah die Sterne, das Universum in seiner ganzen Unendlichkeit. Es war als schwebte ich in diesem Vakuum und ich fühlte die Freiheit, die ich schon immer gesucht hatte. Ich war nicht mehr ich. Ich war Teil eines Ganzen.
Bevor sich meine Gedanken aufzulösen begannen, wurde mein entfesselter Geist von den funkelnden grünen Ozeanen wieder eingefangen, welche die Augen des Wolfes waren. Sanft fesselte mich dieser Blick wieder an diese Welt. Ich konnte festen Boden unter den Füßen spüren und war nun dankbar für den Anker, der mich hielt, während unzählige Bilder verschwommen und wirr in unfassbarer Geschwindigkeit vor meinen Augen dahinzogen.
Ganz allmählich verebbte die Bilderflut ein wenig und ich konnte erkennen, was sich um mich herum abspielte. Es war, als erwachte ich nach einem geruhsamen Nickerchen. Durch meine geschlossenen Lider sah ich orangefarbenes Licht hindurchschimmern und warme Strahlen brannten wohltuend auf meinem zum Himmel gereckten Gesicht.
Ich öffnete die Augen und fand mich in einem wunderschönen grünen Tal wieder.
Das Gras war saftig grün und der süße Geruch nach Wiesenblumen hing mir in der Nase.
Der Wind wehte von Süden und brachte warme Luft und einen leicht slzigen Geruch nach Meer mit sich.
Aus der Ferne tönte leises Kinderlachen zu mir herüber. Ein Lächeln auf dem Gesicht, drehte ich mich um ,weil ich sehen wollte, woher die Stimmen kamen.
In diesem Moment verdunkelten Wolken die Sonne und die Bergidylle verzog sich gespenstisch. Die Berge mit den weißen Gipfeln wuchsen rasend schnell in die Höhe und schienen gleichzeitg zu wachsen und in die Ferne zu rücken. Es war beinahe, als würde die Landschaft unter meinen Füßen hinwegrasen und sich in windeseile verändern.
Der leichte Wind verwandelte sich in Sekundenbruchteilen in einen ausgewachsenen Sturm und schien die Landschaft vor sich her zu treiben.
Die Wolken vor der Sonne türmten sich immer höher und schwärzer auf.
Unter meinen Füßen raste der Grasboden dahin, verwandelte sich in einen weichen Laubboden, dann schienen meine Füße in einem sumpfigen Morast festzustecken. Schließlich wich alle Farbe aus dem Boden und hinterließ nur graue tote Erde.
Das Kindelachen verwandelte sich in schrille Schmerzensschreie und ein herber Geruch nach Fäulnis hing in der Luft und schnürte mir den Atem ab.
Mittlerweile zuckten grelle Blitze von Himmel und der Donner verschluckte gnädigerweise die spitzen Todesschreie.
Wie in Zeitraffer zogen die Wolken über den Himmel und brachten Zerstörung und Tod über die verwaschene Landschaft, die nicht mehr zu definieren war.
Dicke Regentropfen klatschten nun zu Boden.
Sand spritzte auf.
Eine wüstenartige Ebene lag vor mir. Schwarze Ruinen ragten abweisend in den Himmel. Sie schienen die Wolken beinahe zu berühren.
Schatten brandeten gegeneinander. Am Boden wie am Himmel schien eine längst entschiedene Schlacht zu toben. Schreie gellten und erstarben. Schwarzes Licht fing sich in einem schwarzen See.
Mitten im Herzen der Schwarzen Stadt, in welcher der Teufel herrschte.
Todesschreie hallten noch immer durch die menschenleeren Gassen.
Am gegenüberliegenden Ufer standen zwei Männer und reichten sich die Hand.
Einer in weiß, der andere in schwarz.
Zwei Männer, zwei Welten, die sich die Hände reichten.
Der Eine in einen weißen Arztkittel gekleidet, der andere gekleidet in ein langes schwarzes Gewand mit einem goldenen Ring auf der Brust.
Das Gesicht des Schwarzen war seltsam verzerrt. Auf eine schreckliche, unmenschliche Art und Weise. In seinen Augen tanzte ein dunkles Feuer.
Teufel schwebten über ihnen und schienen sich über diesem Pakt zu freuen.
Am Ende ihrer Unterredung drehte sich der schwarze Teufel zu mir um und blickte mir mit einem kalten, fanatischen Lächeln direkt in die Augen.
Eine eiskalte Hand schien nach meinem Herzen greifen zu wollen. Ich keuchte und holte japsend Luft. Diese Augen kannte ich doch!
Das infernalische Feuer war zwar aus den stahlblauen Augen gewichen, doch sie hatten noch immer einen irren, siegessicheren Glanz.
Eiskalte Schauer rannen meine Wirbelsäule herab, als mir bewusst wurde, wie überzeugt dieser Mann von seinem Plan sein musste. Wie auch immer dieser Plan aussehen sollte.
Der Regen hatte den Boden mittlerweile in einen zähen Morast verwandelt, der meine Füße wie in einem Schraubstock festhielt.
Ich schwankte und dann fiel ich...
Schweißgebadet erwachte ich aus meiner Trance.
Ich stand wieder auf der dunklen Lichtung. Die Tiere zogen sich zurück. Nur der große Wolf, sah mich noch einmal traurig an, dann war auch er im schwarzen Dickicht des Waldes verschwunden.
Wieder schwankte ich, nahm jedoch die zur Hilfe dargebotene Hand nicht an, die Solus mir reichte. Ich stand mitten im Wald und war völlig verwirrt. Was hatte ich da nur gesehen? Sollte das eine Warnung sein? Wenn ja, dann wäre es vielleicht hilfreich gewesen, wenn ich verstanden hätte über was die beiden Männer geredet haben. Außerdem war die Frage, ob es die Vergangenheit oder die Zukunft gewesen ist, die ich gesehen hatte.
Meine Beine zitterten und dieses Mal nahm ich die helfende Hand dankbar an.
„Ich brauche eine Pause, wenn es euch nichts ausmacht. Bitte.“ Irgendwie musste ich diese seltsame Gefühlsaufwallungen in meinem Bauch zum Schweigen bringen.
Matthias und Solus schauten sich vielsagend an.
„Wir brauchen nicht einmal mehr eine Stunde, bis wir das Dorf der Elfen erreichen. Dort kannst du dich in Ruhe ausschlafen, bis morgen Früh. Ich dachte, du willst so schnell wie möglich zu deinem kranken Freund.“
„Komm. Du bist zwar ganz schön schwer, aber wenn du willst trage ich dich das letzte Stück auch noch.“, Solus grinste mich verzerrt an.
„Nein, danke. Es wird schon gehen. Es ist nur ...“ Ich erschrak selber, wie atemlos meine Stimme klang.
„Was hast du gesehen, Kind. Was hat Remus dir gezeigt?“, Matthias Stimme klang sanft, allerdings schwang deutlich ein drängender Unterton mit.
Verwirrt sah ich die beiden Männer nacheinander an, doch in beiden Gesichtern, spiegelte sich lediglich diese eine Frage wieder.
„Remus? So nennt ihr diesen Wolf, also? Ich weiß nicht so recht, es war vermutlich alles nur Unsinn. Ich habe mir sicherlich alles nur eingebildet – aus Angst.“ Doch selbst in meinen Ohren hatten meine Worte keine Überzeugungskraft. Und auch die beiden Männer blickten weiter starr auf mich herab. Dennoch, ich brachte es einfach nicht über die Lippen. Ich war selbst noch lange nicht mit all dem fertig geworden, das sich mir offenbart hatte, als ich über den Rand des Gebirges schauen konnte. Und so schwieg ich. Ich brauchte Zeit. Musste versuchen zu verstehen, ehe ich über diese Vision oder wie immer ich das Gesehene auch nennen sollte, sprechen konnte. Ich wusste ja nicht mal, ob ich den beiden wirklich vertrauen konnte. Wo zur Hölle bin ich hier nur reingeraten?!
Endlich nickte Matthias mir beschwichtigend zu. Er war offensichtlich einverstanden unser Gespräch auf ein anderes Mal zu verschieben. Auch Solus fand sich einige Augenblicke später damit ab, die Sache erst einmal auf sich beruhen zu lassen.
Und so setzten wir unseren Weg fort zu dem Dorf, in dem nicht nur ich mir Antworten versprach.
Warum zum Teufel war ich hier? Und warum hat mir ein riesiger Wolf in die Augen gesehen, mich unfassbare Dinge sehen, nein erleben lassen und iwar dann mit samt seinem Rudel einfach wieder verschwunden?
Ich beschloss all das vorerst aus meinen Gedanken zu verbannen. Nur noch einen Gedanken ließ ich zu, nämlich, dass ich in nicht einmal einer Stunde meinen Eliah wieder in die Arme schließen könnte. Ein wohliges Kribbeln machte sich in meinem Bauch breit, dass die Kälte der Nacht schnell vertrieb.
Verdutzt sahen Matthias und Solus mich an, als sich ein erwartungsvolles Lachen auf meine Züge stahl.
Bald würde ich wieder zu Hause sein. Denn sagte man nicht, dass man allein dort zu hause sei, wo sein Herz wohnte?